Frauenkirche Esslingen

 

Fernab der theologischen Bedeutung des Bauwerks Kirche, reduziere ich meinen Blick hier ausschließlich auf das von Außen erkennbare. Konkret interessiert mich unter anderem das dort befindliche Baugerüst, welches sich zum Zeitpunkt der Aufnahmen im April 2016 auf die Westseite konzentriert. Es zeugt von der schon seit vielen Jahrzehnte andauernden Renovierung dieser Kirche.

 

Eingebunden in einen urban strukturierten Lebensraum, ist die von 1325 bis 1560 im gotischen Stil erbaute Kirche ein klarer Bestandteil des Esslinger Stadtbilds. Durch ihre Höhe und das markante Äußere ragt sie architektonisch klar aus der baulichen Umgebung hervor.

 

Mein täglicher Arbeitsplatz ist gut 200 Meter Luftlinie entfernt. Bedingt durch diese räumliche Nähe ist die Frauenkirche fast täglich meiner Beobachtung ausgesetzt. Zeit also, mich auch fotografisch dem Bauwerk zu nähern. Schon vorab halte ich die distanzierte Totale für weniger spannend und möchte lieber die Details, die bei der Annäherung an das Gebäude in mein Auge fallen und spürbar werden, festhalten. 

Die Konstruktion

Durch sich wiederholende Symmetrien und abweichende Ausbrüche schafft das Baugerüst einen Art zweite Hülle. Sie fungiert abseits Ihrer baulichen und technischen Notwendigkeit als visuelle Schutzhaut. Ein Betrachten der eigentlichen Fassade ist aus diesem Blickwinkel kaum mehr möglich. Das Gerüst präsentiert sich in strenger Sachlichkeit fern der freien Kunst. Jede Verbindung erfolgt nach statischen Gesichtspunkten, die einzelnen Elemente stehen wie in einem Netzwerk in baulicher Verbindung.

Die scheinbar in das Unendliche verlaufende Konstruktion generiert für mich als den am Boden stehenden Betrachter ein Gefühl der Überwältigung durch das Objekt. Eine Wahrnehmung des eigentlichen Gebäudes ist kaum mehr gegeben, lediglich markante Details sind auf diesem Foto noch zu erkennen. Eine Steigerung dieses Eindrucks wird durch einen engeren Bildausschnitt erreicht. Was fotografisch über die Brennweite und damit über den Bildwinkel gelöst wird, erscheint auf dem folgenden Foto als nicht zuzuordnendes Muster. Eine Verknüpfung zwischen dem Gerüst und dem Gebäude ist nicht mehr möglich.

 

Obwohl durch die fotografische Nähe nun mehr Details erkennbar sind, wächst für mich als Betrachter die Distanz zum eigentlichen Objekt. Die Kirche als Gebäude ist nun vollends aufgelöst. Selbst das Spiel von Licht und Schatten lässt die Funktion des Dargestellten nicht mehr erahnen. Folgerichtig musste ich mich von dem engen Blick lösen.  Das gegebene Licht erschien mir dazu wohlwollend und so schweiften meine Blicke zu den Rändern des Gebäudes.

An den Außenkanten hat man einen größtmöglichen Blick auf die Seiten des Gerüsts. Die rechten Winkel grenzen den Anbau klar von der Umgebung ab. Sie sind formgebend für das Gerüst und statisch unabdingbar. Die beiden Eckpfeiler auf der Westseite bilden Anfang und Ende zugleich, die zweidimensionale Fläche wird aufgelöst.

 

Imposant auch der Blick hoch zum Treppenaufgang. Das quasi offene Treppenhaus markiert hier naheliegend den 'Stairway to Heaven'. Hier erschließt sich für mich als Betrachter erstmals die konkrete Funktion des Gerüsts. Es dient weder sich selbst, noch der Kirche. Es dient nur dem Ziel, Menschen einen Zugang zu verschaffen. Zugleich ermöglichen neuzeitliche Errungenschaften wie der elektrisch betriebene Aufzug die anstrengungsfreie Erreichung dieses Ziels und ordnen das Gesehene zeitgeschichtlich ein. 

 

Bei seitlicher Betrachtung ist ein Blick hinter die Gerüstfassade nur scheinbar möglich. Der Vorhang wird weder gelüftet, noch kann ich wirklich dahinter oder darüber hinaus blicken. Das Gerüst gewinnt jedoch an Tiefe und somit erschließt sich die dritte Dimension dieser Konstruktion hier nun wieder endgültig.

Selbstredend ist der nicht eingerüstete Teil dieses Bauwerks der architektonisch interessantere. Sehr bald lenkte ich also meinen fotografischen Tunnelblick auf weitere Aspekte der Frauenkirche. Der gerüstfreie Anblick belohnt den Betrachter und allein die Schattierungen der Steinelemente und die Erkennbarkeit von Älterem und Neuerem sind einen Blick wert. Im Nah- und Fernbereich begab ich mich weiter auf Erkundungstour. Es folgen nicht kommentierte Szenerien, in denen das gezeigte Foto als Alleinstellungsmerkmal die Stimmung transportiert.

BauwerksSpitzen

Türsituation I: Südwestportal

Türsituation II: Marienportal

Gerüstfreie Gebäudeimpressionen

Detailliertes Rundherum

Umgebungslichter

Abseits vom Motiv

fotografiert am 27./28. April 2016